70 Jahre (un)bewältigte Vergangenheit

16.04.2011 08:00

Besichtigungstour der Mitglieder der Alters- und Ehrenabteilung im Kreisfeuerwehrverband

Nicht nur Besichtigungsfahrten außerhalb des Vogelsbergkreises erfreuen sich bei den Mitgliedern der Alters- und Ehrenabteilung im Kreisfeuerwehrverband großer Beliebtheit, am 16. April galt es das ca. 176 ha große Gelände der ehemaligen „Munitionsanstalt Hartmannshain“ (allerdings im Gebiet der Gemeinde Grebenhain gelegen) aus den Jahren 1936 bis 1945 zu erkunden. 220 Teilnehmer waren neugierig etwas über ein Gebiet zu erfahren, über dem lange – nicht ohne Grund - der Schleier der Verschwiegenheit lag.
Die bei der Gemeindeverwaltung Grebenhain angesiedelte und von ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern betriebene „Arbeitsgemeinschaft Muna Grebenhain“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die im Jahre 1936 durch die damalige deutsche Wehrmacht geschaffene und betriebene Institution zur Herstellung von Kriegsmunition (im Falle der “Muna“ Grebenhain als eine von 40 „Luft-Munas“ in Deutschland) zum Zwecke der Fertigstellung, d. h. Einbau von Zündern, Konfektionierung und Verpackung von Luftwaffenmunition aller Kaliber zu erforschen.
Von den sehr engagierten Vortragenden, darunter Bürgermeister Manfred Dickert aus Grebenhain, konnte man erfahren, dass die in einem Waldgebiet gelegene und von dem öffentlichen Straßennetz nicht einsehbare Produktionsstätte vollkommen autark arbeitete. Dies bedeutete, dass die Erschließung über ein eigenes 36 Kilometer umfassendes Straßennetz mit Bahnanschluss, Lokschuppen und Laderampen, Elektrizitäts- wie Wasserversorgung und Abwasserbehandlung erfolgte. Selbst eigene Treibstoffanlagen, Schreinerei, Spenglerei, Schlosserei und Weberei standen zur Verfügung. Es erfolgte gar Tierhaltung  innerhalb des Lagers. Das Personal wurde während des regulären Betriebs aus der unmittelbaren Umgebung rekrutiert, während des Krieges verstärkt durch Zwangsarbeiter/innen. Beim Bau der „Muna“ bestand das Personal aus bis zu 5.000 Bediensteten im 3-Schicht-Betrieb. Es handelte sich um einen streng abgegrenzten, eingezäunten Bereich, dessen Beaufsichtigung einer Wach- und Schließgesellschaft oblag.
 
Die schwere und gefährliche Arbeit mit Sprengstoffen aller Art führte nicht selten zu Gesundheitsschäden und Todesfällen infolge von Sprengstoffexplosionen.
Mit den Waffen aus Grebenhain wurden im Zweiten Weltkrieg die Flagstellungen in Hessen und bis zu 17 Flugplätze versorgt.
Eigenartigerweise wurde die „Muna“ trotz aller Bemühungen der Alliierten erst gegen Ende des Krieges entdeckt und daraufhin auch angegriffen. Große Zerstörungen brachte ein Luftangriff auf einen Munitionszug im März 1945 zu dem Zeitpunkt, als dieser das Gelände verlassen sollte. Bombentreffer in benachbarten Dörfern bedeuteten bedauerlicherweise auch Opfer unter deren Bevölkerung.
Die Sprengung der Bunkeranlagen erfolgte zunächst durch die deutsche Wehrmacht und anschließend durch die US-Truppen (3.000 Tonnen Munition in 3 Tagen) mit der Folge, dass nicht nur das eigentliche Gelände der „Muna“, sondern nunmehr 450 Hektar (die Größe von 640 Fußballfeldern) mit Munitionsteilen verseucht waren.
Die seit Jahren betriebene Entmunitionisierung durch Bund und Land hat bisher Unsummen Geld verschlungen. Ein Ende der Maßnahme ist noch nicht absehbar.
Unmittelbar nach Kriegsende war das Lager der Plünderung durch die Bevölkerung ausgesetzt, die sich auf diese Weise massenhaft mit für sie brauchbaren Gegenständen versorgt hat.
Da sich die Sprengung überwiegend auf die Bunkeranlagen bezog konnten die noch heute erhalten gebliebenen Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude zur Ansiedlung kleinerer Betriebe, gerade für heimatvertriebene Mitbürger, genutzt werden. U. a. fand ein namhafter Industriebetrieb aus dem Vogelsbergkreis die Möglichkeit zum Betrieb einer gut ausgelegten Fabrikationsstätte.
In den Jahren 1978 – 1982 entstand auf dem ehemals weitläufigen Muna-Gelände ein Nato-Versorgungslager mit ca.30 weiteren Bunkern. Die inzwischen erfolgte Aufgabe dieses Lagers versetzt die Gemeinde Grebenhain heute u. a. in die Lage der Verwendung als Gewerbelager und Sportgelände.
 
Ein Grebenhainer Arbeitskreis von Heimatforschern bemüht sich in besonderer Weise um die Erforschung der Geschichte der „Muna“ sowie um den Denkmalschutz für das Terrain und eine Auswahl von Objekten. Als Fernziel wird die Schaffung eines Museums als Erinnerungs-, Gedenk- und Mahnstätte gesehen. Dabei soll eine möglichst genaue Beschreibung der Entstehungsgeschichte und des Betriebes der „Muna“ erstellt werden, auch um jeglicher Legendenbildung und Geschichtsklitterung entgegenzuwirken. Dabei könnten auch die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des kriegswirtschaftlichen Betriebes und über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der dienstverpflichteten Bevölkerung und der angeworbenen oder verschleppten Zwangsarbeiter/innen (sogen. Ostarbeiter) aufgeklärt werden. Schließlich soll nach dem Willen der Arbeitskreismitarbeiter ein zentraler Ort in der Region zum Gedenken an die unseligen Zeiten der Nazi-Diktatur und des. 2. Weltkrieges entstehen.
 
Auf großes Interesse und Genugtuung bei den Zuhörern stießen die Ausführungen, dass bei den bisherigen Recherchen bereits Kontaktaufnahmen mit Angehörigen von seinerzeit im Lager tätigen „Fremdarbeitern“ erfolgten mit dem Ziel, diesen Aufklärung über die Art der Anlage und dem möglichen Verbleib ihrer Angehörigen geben zu können.
 
Der zweite Teil des Nachmittags bestand in der Bekanntgabe von Einzelheiten geplanter Veranstaltungen, so der Tagesfahrt am 17. und 31. Mai ins Siebengebirge und nach Königswinter, zu der bereits 200 Anmeldungen vorliegen und das diesjährige Sommerfest am 9. Juli in Groß-Felda.
Die Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehr Grebenhain ernteten großes Lob für die im DGH Grebenhain angerichtete Mahlzeit mit Vogelsberger Spezialitäten.
 
 
 
Text und Bilder: Walter Weickert

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